dissZens #2: Tomb Raider (2018)

tumbraider

Definition des Wortes „tumb“ laut wiktionary.org: „abwertend, veraltet: töricht, einfältig, schlichten Geistes seiend“

Wer nun dieses Wortspiel im Header dumm, unoriginell, einfallslos oder eben tumb findet, dem sei von der Sichtung des neusten „Tomb Raider“-Reboots dringend abgeraten. Denn im Vergleich zum Drehbuch dieses Films ist das Wortspiel eine intellektuelle Meisterleistung.

Statt Angelina Jolie schlüpft nun die ebenfalls zu Oscar-Ehren gelangte Alicia Vikander in die Rolle der Computerspiel-Action-Ikone Lara Croft, und Frau Vikander ist auch so ziemlich die einzige an dieser Produktion beteiligte Person, der (fast) kein Vorwurf für das Misslingen dieses grässlich dummen Machwerks zu machen ist – außer halt überhaupt dafür unterschrieben zu haben.

Wir lernen die „neue“ Lara Croft als junge Frau kennen, die ihren Körper im Mixed Martial Arts Boxing stählt (ohne jedoch, wer hätte es gedacht, den ersten Sparring-Kampf zu gewinnen – wir brauchen ja noch Platz für Charakterentwicklung bis zum Kampf gegen den Endboss), extrem intelligent und belesen ist, ohne jemals eine Universität besucht zu haben, notorisch pleite ist und sich mit einem Job als Fahrrad-Snack-Kurier über Wasser hält. Zudem liebt sie das Risiko und den Adrenalin-Rausch, so lässt sie sich in der in Sachen Inszenierung und Choreographie einzig ansatzweise guten Action-Szene des Films von einer Horde Männern auf Fahrrädern durch Londons Innenstadt jagen. Mit ein wenig Vorsprung und einem angestochenen Farbeimer am Sattel als Hinweis für die Verfolger bringt sie in dieser ansonsten recht sinnlosen Szene das eigene Leben und das unbeteiligter Dritter in Gefahr, um nicht den an ihrem Bike angebrachten Fuchsschwanz geklaut zu bekommen. Wenn man diese Szene symbolisch mal ein bisschen weiter denkt, Silvester 2015 in Köln kam das mit den Frauen-jagenden Männerhorden ja nicht so gut an… jedenfalls endet die Verfolgungsjagd mit einem Crash Laras mit einem Polizeiwagen, und noch während sie in ihrem Frust über dieses Unglück zum fluchenden „Fuck“ ansetzt, Zensiert sich der Film zugunsten des PG 13-Ratings mit einem hard cut selbst. Herzlich willkommen im Grundkurs Filmschnitt 1.01.

Zu ihren männlichen Verehrern ist sie kumpelhaft-flirty-charmant aber abweisend, denn in ihrem Herzen ist nur Platz für einen Mann: ihren Daddy. Dieser ist nun seit bereits sieben Jahren verschollen und soll nun endlich offiziell für tot erklärt werden, damit Lara sein Unternehmen und zahlreichen Besitztümer erben kann. Lara hatte zu ihrem von Dominic West dargestellten Vater Richard immer ein sehr enges Verhältnis, das lernen wir in zahlreichen Rückblenden zu Laras Kindheit, die ganz originell und schick mit bleichen Sepia-Farben eingetönt wurden. Klasse! Jedenfalls stimmt Lara widerwillig ein und erbt neben der Craft Holding wie erwähnt auch einige mysteriöse Rätsel und Puzzle, die sie schlussendlich auf den Pfad der Abenteurerin und Forscherin setzen werden. Nach einer längeren Odyssee durch Asien heuert sie einen betrunkenen, jungen Bootsmann an, der sie auf die verborgene Insel Yamatai bringen soll, wo die zwielichtige und undurchsichtige Organisation Trinity bereits seit Jahren versucht, das Grab der mythischen Königin Himiko zu plündern, was eine Bedrohung für die gesamte Menschheit darstellen soll. Das muss Lara natürlich verhindern…

Dies soll zum Plot genügen, der auf arg eingedampfte und simplifizierte Art und Weise auf dem Reboot der Videospielreihe aus dem Jahr 2013 beruht. Kommen wir nun zu den Kritikpunkten, denn diese sind zahlreich.

Zunächst einmal der Look des Films. Von den furchtbar einfallslosen Sepia-Rückblenden einmal ganz zu schweigen, auch die Dschungel-Insel ist einfach unfassbar hässlich anzusehen und die digitalen Effekte eine absolute Katastrophe. Dieser Film sieht mehr nach einem fucking Computerspiel aus als das fucking Computerspiel. Vor allem das aus dem 2013er-Game bekannte set piece mit einem abgestürzten Flugzeug und eine Stachelbalken-Falle im Tempel reißen mit ihrer dilettantisch schlechten Inszenierung komplett aus dem Film raus. In einem Interview sagte Regisseur Roar Uthaug, dass möglichst viel „echt“ gedreht wurde, um die Immersion des Zuschauers zu gewährleisten. Da frage ich mich wirklich, welche krassen, bewusstseinsverändernden Drogen am Set von „Tomb Raider“ kursiert sein mögen…

Die Rätsel, Fallen, Puzzles und Lösungswege in diesem Film sind entweder unbeschreiblich simpel und dämlich oder unbeschreiblich beliebig, zufällig und sinnlos. Entweder führen Ziehie/Drücki/Drehi/Schiebi/Haui-Aktionen zum gewünschten Erfolg oder die Lösung von Rätseln, die in ihrer geistigen Armut teilweise an diese Intelligenztests für Kleinkinder erinnern, wo Holzförmchen in die entsprechenden Form-Aussparungen eines Kastens richtig eingefügt werden müssen. Den Autoren dieses Drehbuchs würde ich es allesamt zutrauen, als Kind versucht zu haben, die Kreisform mit aller Gewalt in die Stern-Aussparung reinzuprügeln, natürlich ohne Erfolg.

Die Geheimorganisation Trinity ist ähnlich durchdacht wie die Baupläne für BER. Komplett ohne wirkliche Motivation, ohne wirkliches Ziel gammeln diese seit sieben Jahren auf einer verborgenen Insel herum, sprengen wahl- und ziellos alles in die Luft, was bei Drei nicht auf den Bäumen ist, um einen versteckten Tempel mit einer mysteriösen, womöglich übernatürlichen und tödlichen Kraft zu finden. Matthias Vogel, gespielt von Walton Goggins, den man vor allem aus „The Hateful Eight“ kennt, ist Anführer dieser schieß- und sprengwütigen Idiotentruppe, die eigentlich selber gerne von der Insel wegwill, zurück zu ihren Freunden und Familien, aber dann halt eben doch irgendwie dort bleibt, um das Grab der Himiko zu finden, wobei Vogel mal erwähnt, dass er selbst ja gar nicht so wirklich an diesen übernatürlichen Mumpitz glaubt. What the fuck? Dass in sieben Jahren im Umkreis der Insel niemandem etwas von diesen explosiven Machenschaften und den durch Sklavenarbeit unterstützten Ausgrabungsaktionen gewahr wird, ist natürlich gleichermaßen plausibel und glaubwürdig.

Lara Croft darf auf der Insel dann ihre Plot-Schuldigkeit erfüllen und ihre forcierte Entwicklung durchstehen. Sie tötet zum ersten Mal einen Menschen, was ihr kurzzeitig eine innere, moralische Zerrissenheit und Schmerzen beschert, wandelt sich dann aber recht fix zum weiblichen Rambo-Zitat, einer Pfeil-und-Bogen-Tötungsmaschine sondergleichen. Sie findet ihren verschollenen und natürlich gar nicht toten Daddy Richard Croft wieder und kann ihre daddy issues erfolgreich überkommen, spätestens dann, wenn dieser sich überflüssigerweise heroisch opfert und Lara sich damit dieses Mal konkret und final verabschieden kann. Sie ermöglicht mit ihren geheimen Dokumenten und Informationen, die sie eigentlich im Auftrage ihres Vaters hätte vernichten sollen, Vogel und Trinity das Auffinden des Tempels und des Grabs, kann aber im Endkampf mit dem zum aggressiven Zombie-Monster mutierten Vogel (denn das passiert nämlich, wenn man die Leiche von Himiko oder einen Infizierten berührt) die Oberhand behalten, den einstürzenden Tempel in letzter Sekunde verlassen und damit zum ersten (und hoffentlich letzten) Mal die Welt retten.

2007/2008 hat es in Hollywood einen Autorenstreik gegeben, der hauptsächlich Serien betroffen hat. Anfang Mai 2017 wurde ein neuerlicher Streik scheinbar in letzter Sekunde abgewendet. Mein Gefühl jedoch ist, dass in den großen, Blockbuster produzierenden Filmstudios der Autorenstreik niemals aufgehört hat. Meinen ganz persönlichen Tiefpunkt in dieser dümmlichen Tortur eines Films erlebte ich, als die Truppe rund um Lara und Vogel die ersten Schritte in den Tempel gemacht hatten. Da sagte doch eine der Figuren (ich weiß beim besten Wille nicht mehr welche genau) tatsächlich, dass dieser Tempel errichtet wurde, um etwas gefangen zu halten, nicht um andere am Eindringen zu hindern. Ein Zitat, das in dieser Form fast eins zu eins aus dem nur wenig besseren „Die Mumie“-Remake des Vorjahres geklaut wurde. Ein Zitat, das ein innerliches Armageddon auslöste. Scheiße kopiert Scheiße, beschissen. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, künstliche Intelligenzen das Verfassen von Drehbüchern übernehmen zu lassen, wenn sowieso nur noch irgendwelche Affen sich gegenseitig kopieren. Lieber künstliche Intelligenz als echte Dummheit sozusagen.

Wer sich übrigens schon fragte, was eigentlich Nick Frost nach Ende von Edgar Wrights „Cornetto-Trilogie“ so treibt, der erhält hier die traurige Antwort. Er ist Besitzer eines Pfandhauses Schrägstrich Waffenladens in London, führt mit Lara Croft erst einen Dialog aus der Autorenhölle, offeriert ihr für ein Amulett, das aussieht wie aus einer Kellogg’s-Packung, 8.000 Pfund als Startkapital für ihre Abenteuerreise nach Fernost, obwohl sie für dieses keinerlei Zertifikate oder ähnliches hat – dann wäre sie ja zu jemand Seriösen gegangen, duh… – und soll in einer zweiten kurzen Szene zum Schluss wohl zum Waffen- und Gadgetlieferanten für das geplante Sequel aufgebaut werden. Für Nick Frost, Alicia Vikander und mein Seelenheil hoffe ich, dass dieses niemals zustande kommt.

In Ray Bradburys Dystopie „Fahrenheit 451“ wird der Besitz von Büchern illegal und diese daher von zuständigen Einheiten gezielt verbrannt. Wir leben schon längst in einer nicht weniger schlimmen Realität. In einer Gegenwart, in der derart geistig verkümmerte Drehbücher wie das von „Tomb Raider“ eben nicht verbrannt werden. Ohne solchen Müll wäre die Welt ein besserer Ort.

1/10

Flop 10 2017 – Dishonorable Mentions

dishonorable

Meine persönliche Flop 10-Liste des Jahres 2017 zu erstellen, erwies sich als nicht besonders leicht. Fast 150 Filme habe ich in diesem Jahr gesehen, davon hatten über 110 ihre bundesdeutsche Erstveröffentlichung im Kino, auf Blu-Ray und DVD oder auf Streaming-Services im Kalenderjahr 2017 und erfüllten damit die wichtigste Qualifikationsvoraussetzung für eine mögliche Platzierung in meinem persönlichen Top- oder eben Flop-Ranking.

Während sich auch meine Top-Liste, wie sich noch zeigen wird, nicht von selbst aufgestellt hat, so war es zugegebenermaßen noch deutlich schwieriger, aus einem riesengroßen Müllberg die zehn gammligsten, schlimmsten und ärgerlichsten Stinker herauszupicken. Letztlich habe ich ein klein wenig beschissen und 15 Filme in meine Flop 10 aufgenommen, aber da die Filmindustrie uns auch gerne bescheißt und wir uns ja auch gerne bescheißen lassen, ist das ja auch irgendwie bloß passend. Konsequente Inkonsequenz sozusagen. Und so werden in den nächsten Tagen Schritt für Schritt an dieser Stelle die furchtbarsten Filme des vergangenen Jahres veröffentlicht, bevor mit der anschließenden Top-Liste doch noch ein Silberschweif der Hoffnung aufgezeigt werden kann. Nun zunächst aber die „Dishonorable Mentions“, die Filme also, die trotz teilweise größter Anstrengungen nicht den Sprung in die Flop 10 geschafft haben. Mein Beileid.

Zu Jahresbeginn war ich noch außerordentlich optimistisch. So glaubte ich, dass „The Lego Batman Movie“ mit einer Bewertung von 5/10 ein Kandidat für die Liste sein könnte. Noch ahnte ich nicht, dass der Film mit dieser Bewertung nicht nur bei weitem nicht zu den schlechtesten Werken des Jahres überhaupt gehören sollte, sondern dass einige Monate später mit „Lego Ninjago“ sogar ein noch schlechterer Lego-Film in die deutschen Lichtspielhäuser Einzug erhielt. Beide sind von der frischen Kreativität des ersten Lego-Films meilenweit, von einer Flop 10-Platzierung aber auch ein gutes Stück entfernt. Es kamen jedoch nicht nur aus dem Hause des dänischen Bauklötzchenherstellers ärgerliche Animationsfilme, auch Disney Pixar mit „Cars 3“ und Illumination mit „Ich – Einfach unverbesserlich 3“ haben faule Fortsetzungen hingerotzt, die die eigenen Taschen sowie die Kinderzimmer dieser Welt mit unnötigem Merchandise ordentlich gefüllt haben dürften, mit sympathischer Unterhaltung für die ganze Familie aber nichts zu tun haben.

Auch abseits der Animationsfilme waren die mannigfaltigen Arten des Scheiterns durchaus faszinierend. Schlecht produzierte, billig aussehende und vor allem stupide und unmotiviert geschriebene Action-Filme wie „American Assassin“ und „Killer’s Bodyguard“ schmierten in ähnlicher Regelmäßigkeit bei Kritikern und an den Kassen ab wie berechenbarer und todlangweiliger Geisterbahn-„Horror“ à la „Rings“, „Annabelle 2“ und „Jigsaw“ nervten. „Wish Upon“ war sogar derart peinlich schlecht, dass seine unfreiwillige und unironische Komik deutlich lustiger war als so manche Komödie wie beispielsweise „Bad Moms 2“. Zurück zu Action-Filmen, wo mit „Darkland“ und „Sleepless“ zwei Filme zwar dem vorherigen Vorwurf der billigen Optik entgehen können, dafür aber umso klischeetriefendere Drehbücher mit katastrophaler Figurenentwicklung ins Rennen schmeißen. Auch die King-Adaption „The Dark Tower“ war in der Konzeption seines Drehbuchs eine Katastrophe, hätte mich aber wohl dann deutlich mehr verärgert, wenn ich die Roman-Vorlage gelesen und gemocht hätte. „What happened to Monday?“ hatte zumindest eine interessante und kreative Prämisse, schlägt aber leider am Scheidepunkt der Story den Weg der Dummheit und des Kitsch ein und reduziert Noomi Rapaces schauspielerischen Ausdruck auf das Tragen verschiedener Perücken, die Charakterisierung einer jeden der sieben ach so individuellen, nach Wochentagen benannten Figuren lässt sich auf ein simples Schlagwort wie „Sportlerin“, „Schlampe“ oder „Nerd“ herunterbrechen. Weiterhin im Schnelldurchlauf erwähnenswert: „Die Schöne und das Biest“ bleibt mir höchstens wegen seines lustigen kleinen Homo-Skandälchens und Emma Watsons Autotune-Geträller in Erinnerung, der merkwürdige Thriller „Unforgettable“ hingegen bleibt mir seines Titels zum Trotze überhaupt nicht in Erinnerung. „King Arthur“ und „The Great Wall“ waren kackhässliche Grau-in-Braun-in-Grau-Computer-Gematsche, die glücklicherweise nicht ansatzweise so viel Geld generierten, wie raffgierige Produzenten sich vermutlich erhofften.

Drei Filme sollen zum Schluss aber nochmal gesondert erwähnt werden. Mel Gibsons „Hacksaw Ridge“ war der letztjährige Beweis dafür, dass auch den zahlreichen Award-Institutionen nicht blind zu trauen ist. Dieses gewaltgeile, pseudo-pazifistische Manifest, das in der ersten Hälfte noch eine furchtbar kitschige Romanze drangeklatscht bekommen hat und mit seiner ultra-radikalen christlichen Botschaft die Nerven bis zum Maximum strapaziert, ist ein weiterer Beweis für den nur noch schwer zu leugnenden Wahnsinn seines Machers Mel Gibson.

Ein weiterer Filmemacher, dessen geistige Unversehrtheit zumindest in Frage zu stellen ist, ist Ridley Scott. Dieser hat im hohen Alter ein wahres Kunststück vollbracht und die Crew-Mitglieder von „Alien: Covenant“ nochmal drei Stufen dämlicher gestaltet als beim Mehr-oder-weniger-Vorgänger „Prometheus“. Hier wird nicht nur einmal auf CGI-Blut ausgerutscht, nein, zwei Mal! In kürzester Zeit! AUF DER GLEICHEN, VERDAMMTEN STELLE! Der intellektuelle Notstand der angeblichen „Wissenschaftler“ ist hier Normalzustand, hysterische Überreaktionen und der Totalausfall von Besonnenheit und Rationalität ebenso. James Franco ist zu seinem Glück schon zu Beginn des Films in seiner Kryoschlaf-Kapsel abgefackelt und nur in einer Szene zu sehen, die vermutlich bei „127 Hours“ rausgeschnitten wurde und noch irgendwo auf dem Fußboden im Schneideraum herumlag. Später werden die ausnahmslos paarweise auftretenden Vollidioten von verschiedenen Entwicklungsstufen des Xenomorph dahingerafft, stets gefolgt von „Mein Mann/Meine Frau ist tot“-Geheule. Hier hat Ridley Scott sein eigenes Filmerbe ganz ordentlich vergewaltigt – glücklicherweise immerhin nur dieses eine, dazu später mehr.

Zuletzt wäre dann, leider, leider, leider, noch „Der Schneemann“ zu nennen. Wie dieser Film derart schiefgehen konnte, ist vermutlich selbst schon eine Story für einen interessanten Film. Der Regisseur von den meinerseits äußerst hochgeschätzten Filmen „Dame, König, Ass, Spion“ und „So finster die Nacht“, Tomas Alfredson, ein namhafter Cast rund um Michael Fassbender (der ja leider auch schon mit dem Alien-Film einen Griff ins Klo landete), eine spannende und eigentlich schon ziemlich cineastisch geschriebene Bestseller-Vorlage von Jo Nesbo, Martin Scorseses Stamm-Cutterin Thelma Schoonmaker, selbst der erste Trailer war meiner Meinung nach ziemlich gelungen und Vorfreude weckend – eigentlich waren alle Bausteine für einen spannenden, fesselnden Thriller vorhanden. Während der Dreharbeiten muss daher unfassbar viel kolossal schief gegangen sein, denn das finale Produkt ist in jeglicher Hinsicht ein absolutes Fiasko. Wie es passieren kann, dass erhebliche Teile des Drehbuchs nicht gefilmt wurden und das erst kurz vor Schluss auffällt, wie eine Continuity durchgängig nicht zu erkennen ist, wie ein derart missglücktes und gescheitertes Projekt trotzdem noch ins Kino gelangt und nicht eingestampft wird, all dies lässt mich rat- und fassungslos zurück und beschließt diese „Dishonorable Mentions“-Auflistung. Es kann nur noch schlimmer werden…

dissZens #1: Jumanji (2017)

Jumanji

 

In der letzten Sneak Preview des Jahres 2017 lief der Film „Jumanji“ im Kino. In der äußerst gut besuchten Vorstellung erhielt  der Film, der seit gestern regulär in den bundesdeutschen Kinos zu sehen ist, von den weit über hundert Zuschauern eine herausragend gute Durchschnittsnote von 1,65. Alles gut also?

Nein.

Die Geschichte ist schnell zusammengefasst. Im 1996 verorteten Prolog dieses Films, welcher sowohl als Remake als auch als Sequel zum ersten „Jumanji“-Teil mit dem inzwischen verstorbenen Robin Williams konzipiert ist, verwandelt sich das altbekannte „Jumanji“-Brettspiel in eine Nintendo-artige Spielkonsole, um der eigenen Verwendungs- und Bedeutungslosigkeit zu entfliehen. Mit dieser neu gewonnenen Attraktivität der Digitalität gelingt es dem magisch verwunschenem Spiel sodann auch, den Jugendlichen Alex Vreeke (ja, wirklich, Vreeke…) in seine Videospiel-Welt mit Dschungel-Setting zu saugen.

Es folgt ein Sprung in die Jetzt-Zeit, gut 20 Jahre später, wo wir unsere vier mit dem aus Paint bekannten Füllwerkzeug gezeichneten Stereotyp-Protagonisten kennen lernen. Ein dürrer Nerd, ein großgewachsener Sportler, eine biedere Streberin und ein selbstbezogenes Instagram-Hottie werden alle aus mehr oder weniger glaubwürdigen und nachvollziehbaren Gründen zum Nachsitzen verdonnert. Dabei stößt die vom Schicksal (oder eher von den Drehbuchautoren) zusammengeschmiedete Clique überraschenderweise auf die verstaubte „Jumanji“-Retro-Konsole. Warum „Jumanji“ nicht erneut die Zeichen der Zeit erkannt und sich in eine Spiele-App à la „Candy Crush“ verwandelt hat, erschließt sich hier nicht, dennoch erhascht er auch dieses Mal die Aufmerksamkeit der Teenager, welche folglich ebenfalls dematerialisiert und im Spiel gefangen werden. Um zu entkommen und wieder in die Realität zu gelangen, müssen sie das „Jumanji“-Spiel durchspielen, was bedeutet, dass ein grün funkelnder MacGuffin… – ich meine ein grün funkelnder Edelstein irgendwo im Dschungel in seine Jaguaraugenfassung eingesetzt und das Wort „Jumanji“ gesagt werden muss. Auf der Reise dorthin müssen unsere Gamer Rätsel in Reimform lösen und andere Herausforderungen für digitalen Geist und Körper bestehen, zudem steht ihnen der das Tierreich kontrollierende Bösewicht Russel Van Pelt (Bobby Cannavale) und dessen Schergen sowie, natürlich, auch sie selbst im Weg.

Kaum ins Dickicht des über weite Strecken computeranimiert wirkenden Tropenwalds geschleudert, offenbart sich dem Zuschauer auch bereits die erste von zwei zerbrechlichen Glasstelzen, auf welchen der „Humor“ des Films fußt, und zwar eine größtmögliche Diskrepanz zwischen Real Life-Charakter und Videospiel-Avatar. Der Nerd wird zum unbesiegbaren Muskelprotz Dwayne „The Rock“ Johnson, der Sportler zur halben Witzfigur-Portion Kevin Hart, die Streberin zur heißen Power-Frau Karen Gillan und das Instagram-Hottie wird zum alten, fetten, hässlichen Jack Black. So kreativ! Beim Erkunden ihrer Avatar-Körper stellen die vier nun doppelt stereotypen Stereo-Typen drei balkenförmige Tattoos am Handgelenk fest. Während jedem halbwegs mitdenken Zuseher bereits klar ist, dass diese offensichtlich drei verfügbare Videospiel-Leben einer jeden Figur repräsentieren, muss im Film erst jemand von einem digitalen Nilpferd gerissen und verschlungen werden; eine Szene, die in ihrer trashig inszenierten und animierten Art an das Ableben Samuel L. Jacksons in „Deep Blue Sea“ erinnert, ohne jedoch durch eine ironische Brechung aus dieser Referenz humoristischen Gewinn zu schlagen. Der kürzlich Verstorbene respawnt sodann mit einem krachenden Sturz aus dem Himmel und, big reveal, einem Balken weniger am Arm. Eines der vielen großen Probleme des Films: Man ist dem dämlichen und unfassbar simpel gestrickten Drehbuch stets mehrere Schritte voraus.

Apropos respawn, die sich durch die Prämisse ergebenden Möglichkeiten einer Meta-Comedy zu Videospielen und Videospielverfilmungen werden ebenfalls nicht ansatzweise ausgeschöpft. Zwar werden wichtige Bausteine wie NPCs (non-playable characters) und Zwischensequenzen durch die Figuren benannt und erklärt, aber damit hat sich das dann auch schon erledigt. Einer dieser NPCs ist der unter anderem aus „Hunt for the Wilderpeople“ bekannte Rhys Darby als Nigel, hier schmerzhaft verschenkt als Jeep-fahrender Lieferheld von Plot-Exposition und MacGuffin-Juwel, der, eben ganz NPC, nur vorprogrammierte Phrasen abspulen und wiederholen kann. Etwas später trifft die Nachsitzer-Gang auf einem Basar dann auf einen Pilot, der für einen NPC merkwürdig realistisch und lebhaft erscheint. Der junge Mann ist, das begreifen wir wieder ziemlich schnell, der im Prolog ins Spiel gezogene Freak-Junge. Vreeke-Junge. Das dumm-dödelige Drehbuch verkauft uns das natürlich erst deutlich später wieder als einen mind-blowing Twist. Wow.

Apropos Dödel, damit wären wir dann bei der fragilen Humor-Glasstelze Nummer zwei. Ab einem gewissen Punkt ist der Film nur noch ein einziger riesengroßer Penis-Witz (höhö, riesengroßer Penis). Kevin Hart freut sich beim Blick in die Buxe, dass zumindest ein Merkmal seines athletischen Real Life-Körpers bei der Digitalisierung nicht geschrumpft wurde, Instagram-Hottie Jack Black lernt mit diesem ihr neuen und unbekannten Werkzeug umzugehen, und selbst als Kevin Hart vom unsympathischen Kacklappen The Rock einer Herde Nashörner als Ablenkungsköder geopfert wird, wird die Aufarbeitung dieser eigentlich Konfliktpotenzial liefernden Arschloch-Aktion (der Amerikaner würde es glaube ich als „dick move“ bezeichnen…) mit tierisch flachen Penis-Witzen aufgelöst. Beste Unterhaltung für die ganze Familie also. Wenigstens wird meine Verwendung des Wortes „Dickicht“ früher in dieser ReZension im Nachhinein betrachtet jetzt noch lustiger. Hach, Penisse…

Apropos unsympathischer Kacklappen The Rock, der Ex-Wrestler und zukünftige US-Präsident ist zweifelsfrei der zentrale Protagonist des Films. Im echten Leben ist der Nerd selbstverständlich ein absolutes Hypochonder-Weichei, im Jumanji-Dschungel dafür eine muskelbepackte Kampfmaschine ohne jegliche Schwächen. So prügelt er sich auf dem Basar munter und problemlos durch eine Horde von Handlangern van Pelts, nur um dann wenig später das Ablenken von zwei (!!) Wachposten eines scheinbar dringend benötigten Helikopters der Streberin Karen Gillan zu überlassen. Logik sucht man hier vergebens, eine spannende Fallhöhe oder eine Relevanz für alle Charaktere neben The Rock ergeben sich durch diese Art der Charakterentwicklung und Figurenkonstellation aber nicht. Wenigstens liefert die Vorbereitung dieses Ablenkungsmanövers eine der wenigen gelungenen Szenen des Films, wenn Instagram-Hottie Jack Black der Streberin das erfolgreiche Flirten mit Männern beibringen muss. Als Belohnung für erfolgreich getane Arbeit bekommt die Streberin im Verlauf des Films die obligatorische, uninteressante und generische Romanze mit dem Nerd spendiert. Für diese Romanze Instagram-Hottie Jack Black statt der Streberin heranzuziehen, wäre die deutlich mutigere und lustigere Entscheidung gewesen, aber mutig und lustig will dieser Film ja auch gar nicht sein, also was beschwere ich mich eigentlich?

Weitere Kritikpunkte gefällig? Gerne. Der Antagonist ist derart schwach und lieblos gestaltet, dass er genauso gut aus einem beliebigen Marvel-Film stammen könnte, seine untergebene, Moto Cross-Rad berittene Privatarmee ist peinlich schlecht aus „Mad Max: Fury Road“ geklaut, das bereits mehrfach geschmähte Drehbuch und die einfallslose Regie reihen langweilige und schwach choreographierte Action set pieces aneinander, die zwischendurch „humoristische“ oder mit einer stumpfen und plakativen Botschaft versehene, ernste „Wir lernen etwas über uns“-Szenen untergemischt bekommen, und auch filmhandwerklich-technisch passen sich Kamera, Schnitt und dauerdudelnder Score diesem mühe- und lieblos ausproduzierten, nervtötendem und mit 120 Minuten überlangen Hollywood-Schrott an. Wie wir am Ende des Films erfahren, hat unser Protagonist Dwayne „The Nerd“ Johnson übrigens trotz allem rein gar nichts gelernt. Schade.

Gibt es überhaupt etwas Positives zu sagen? Nun, zumindest die Performances von Karen Gillan und Jack Black überzeugen, letzterer erinnert uns zudem daran, dass es mit „Tropic Thunder“ einen deutlich lustigeren, unterhaltsameren und intelligenteren Meta-Comedy-Film mit Dschungel-Setting gibt, und zuletzt hat der Film immerhin den grandiosen „Guns N‘ Roses“-Song „Welcome to the Jungle“ liZensiert, wenn auch nur für die Trailer und den Abspann. „Welcome to the jungle, we got fun and games.“ Nein, dieses Spiel macht überhaupt keinen Spaß. Solange solche überflüssigen Remakes jedoch mit derart großer Publikumszustimmung quittiert werden, ist das leider ein Freifahrtschein für Hollywood, uns auch in Zukunft mit solchem Sondermüll zuzuscheißen.

2/10